Frühchen-Zwillinge geboren in der SSW 34+4 – Frühchen-Mama Jess

 “Guten Tag, mein Name ist Schwester Christina und ich komme von der Frühchenstation. Ich möchte uns und unsere Arbeit einmal vorstellen. Wann könnte ihr Mann denn dabei sein?”

Das war mein erster Kontakt zum Thema Frühchen. Ich war in der 31. Schwangerschaftswoche und auch wenn ich gerade zum zweiten Mal mit verkürzten Gebärmutterhals im Krankenhaus lag, so hatte ich mich bisher nicht mit dem Thema Frühchen beschäftigt. Ich war mir sicher, wir schaffen es bis zur 38. Woche und es wäre nicht nötig.

Es war nicht unser letzter Kontakt. Schwester Christina besuchte mich während meines dreieinhalb wöchigen Aufenthaltes alle drei Tage. Sie zeigte und erklärte uns, welche Gerätschaften auf der Neonatologie genutzt wurden. Sie hatte ein Fotoalbum der Station dabei und wir durften die Materialien anfassen. Es schaffte Vertrauen.

Mit Beginn der 35. Schwangerschaftswoche wurde ich entlassen. Eine drohende Geburt sollte nun nicht mehr aufgehalten werden. Denn ab diesem Moment zählen Frühgeborene zu den späten Frühchen. 
Und ich war mir nach wie vor sicher, die nächsten drei weiteren Wochen zu schaffen.

Doch es kam anders, ich war genau vier Tage zu Hause, als ich einen Blasensprung gegen 19:00 Uhr hatte.

Vier Stunden später waren die beiden auf der Welt. Ich bekam sie nicht gleich zu sehen, nicht mal kurz, sie kamen direkt auf die Frühchenstation. Ich sah sie auch in dieser Nacht nicht mehr. Zum Glück konnte mein Mann Fotos machen, damit ich sie wenigstens so einmal sehen konnte.

11 Stunden nach ihrer Geburt sah ich sie zum ersten Mal. Diesen Moment zu beschreiben ist unfassbar schwierig. Es fühlte sich nicht real an. Ich versuche es trotzdem.

Mein Mann musste arbeiten, daher kamen meine Eltern. Sie schoben mich mit einem Rollstuhl zur Neo. Ich stand dort vor verschlossener Tür und musste klingeln und nach meinen Kindern fragen. Nicht einfach zu ihnen zu können war ein absolut merkwürdiges Gefühl. Nach dem ich Einlass bekam, wurde ich in einen großen Raum gebracht. Dort waren vier Brutkästen. In zweien lagen meine Kinder. Getrennt voneinander. Beatmet und verkabelt. Ich musste mir die Hände desinfizieren um sie berühren zu dürfen. Die Schwestern hielten mich für zu schwach, deshalb durfte ich sie nicht halten. Nur eine Hand auflegen. Es fühlte sich falsch an.

Im ersten Inkubator lag der Zweitgeborene. Er brauchte ein CPAP Maske inkl. Mütze. Von seinem kleinen Gesicht sah ich nur die Augen und den Mund. Dort lag bereits der Schlauch für die Magensonde. Ich konnte nicht mal seine Haare sehen. In seiner kleinen Hand steckte eine Kanüle. Nur mit einer Windel bekleidet lag er dort. Elektroden auf seiner Brust. Am Fuß die Sauerstoffmessung. Ich legte meine Hand auf ihn.

Dann zum Erstgeborenen rüber. Er hatte nur eine Sauerstoff-Nasenbrille statt der Maske, sonst das selbe Bild, viele Kabel um dieses zarte Kind. Er hatte blonde Haare. Auch bei ihm durfte ich nur die Hand auflegen. Sie nicht halten zu dürfen war befremdlich. Ich fühlte mich verlassen. Ganz allein. Die Situation überforderte mich. Meine Mutter machte sich große Sorgen, denn sie sah die Leere in meinem Gesicht.

Da waren sie also, meine Kinder. Ich schrieb eine Nachricht an Freunde und Bekannte. Versuchte es so etwas wahrer sein zu lassen. Die Nachricht hatte ich schon lange als Entwurf und las sie gar nicht mehr richtig, der Text passte nicht wirklich. 

Über die Mittagszeit musste ich zurück auf mein Zimmer. Es war Mittagsruhe und ich war ziemlich erschöpft.

Um 14:30 Uhr durften ich wieder zu ihnen. Nun durfte ich sie auch nacheinander halten oder besser gesagt kängeruhen. Meine kleinen Babies wurden mir auf meinen nackten Oberkörper gelegt. Sie hatten so viele blonde Haare. Die Welt stand still. In dem Moment veränderte sich alles. Es rückte sich alles an seinen rechten Platz. Es war immer noch schwer zu begreifen, dass es meine Kinder sein sollten, aber ich begann es zu glauben. Das waren meine Kinder! Und ich liebte sie schon jetzt über alles.

Nach zwei Stunden kehrte ich zurück auf mein Zimmer und meine Eltern fuhren heim. Jetzt ging es darum, die Milchproduktion anzukurbeln. Das Ergebnis war bis dahin alles andere als zufriedenstellend.

Der Papa kam am Abend noch mal vorbei, es war natürlich genau der Tag an dem er nicht frei nehmen konnte. 
Er wollte seine Kinder noch einmal in Ruhe betrachten. Hatte er ihren ersten Lebenstag ja so gut wie verpasst. Auch er konnte sie nun endlich berühren. Da stand er nun, mein Ehemann, der Vater meiner Kinder. Voller Stolz und Liebe schaute er auf seine Söhne. Mit der Geburt unserer Kinder verliebte ich mich noch mehr in ihn.

Wie ich die Zeit auf der Neo wahr nahm?

Meine größten Probleme hatte ich damit, klingeln zu müssen, wenn ich meine Kinder besuchen wollte und um Erlaubnis bitten müssen, wenn ich sie halten wollte. Auch, dass ich sie in der Nacht allein lassen musste war nicht einfach für mich. Ich hatte zumindest das Glück, ein Elternzimmer nach meiner Entlassung bekommen zu können. So konnte ich problemlos den ganzen Tag bei ihnen sein und war ganz in der Nähe.

Für mich bestand in den nächsten 14 Tagen die Herausforderung darin, dass beide Kinder möglichst viel Hautkontakt bekommen sollten und ich die meiste Zeit allein war, aber immer nur ein Kind halten durfte. Also führte ich sehr genau Buch darüber, wie lang ich mit wem kuschelte. Und das kuscheln ist so wichtig gewesen. Mit jedem Mal konnte die Sauerstoffzufuhr etwas reduziert werden.

Um entlassen zu werden mussten die Kinder die Nährstoffe über die Nahrung aufnehmen, ihre Wärme halten, allein und ohne Unterstützung atmen und zumindest ihre Milch aus dem Fläschchen trinken. Gerade das eigenständige Trinken machte mir die größten Sorgen. Sie waren 9 Tage alt, als mich die Sorgen der letzten Tage übermannten und ich etwas verzweifelte. Und wie ist dann immer ist, am nächsten Tag trank der erste schon eigenständig. 

Für mehr Schwäche war keine Zeit, ich funktionierte. Ein klassisches Wochenbett mit kuscheln im Bett wäre schön gewesen, aber uns nicht vergönnt.

Alles in allem, haben wir großes Glück, die Jungs sind jetzt 2,5 Jahre alt und haben gesundheitlich und entwicklungstechnisch keine Einschränkungen. Ich bin jeden Tag dankbar für dieses Wunder. Ich war froh, dass ich bereits während der Schwangerschaft so gut betreute wurde. Das nahm mir viele Ängste.

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