Liebe Mama, lieber Papa. Ihr seid genug – Ein Beitrag von Ricarda (Kinderkrankenschwester)

Liebe Mama, lieber Papa.

Ich konnte es kaum abwarten, euch endlich kennenzulernen.

Immer wieder höre ich eure sanften Stimmen. Mamas wunderschönen Gesang, wenn sie denkt, niemand sonst kann es hören. Euer Lachen, wenn Papa wieder einen schlechten Witz erzählt hat. Den Klang meiner Spieluhr auf Mamas Bauch.

Immer wieder kann ich euch spüren. Wenn Mamas Bauch wackelt vom Lachen. Wenn mich jemand sanft streichelt. Wenn Papa mir einen Gute-Nacht-Kuss gibt. Wenn ihr euch fest umarmt. Und ich behütet der Mittelpunkt eurer Umarmung bin.

Ich weiß, es war zu früh. Ihr ward nicht darauf vorbereitet. Vermutlich habt ihr noch nicht einmal mein Kinderzimmer eingerichtet. Vielleicht habt ihr noch nicht einmal einen Namen für mich.

Aber ich musste einfach sehen, was mich da draußen erwartet. Man könnte wohl sagen ich bin ein Abenteurer, von Anfang an. Neugierig auf die Welt. Bereit zu entdecken.

Ob die Welt so ist, wie ich sie mir vorgestellt habe? Nein.

Die Stimmen und Geräusche sind klarer, aber es ist so unfassbar laut.

Immer wieder erschrecke ich mich vor lauten Geräuschen. Laute Stimmen machen mir Angst und Stress. Ich mag die Ruhe. Aber ich liebe es, wenn ihr zu mir flüstert und mir leise vorsingt oder vorlest. Eure Stimmen sind das wundervollste, dass ich kenne. Wenn ich euch höre, kann ich mich sofort entspannen.

Auch an meine Spieluhr kann ich mich erinnern. Sie ist noch etwas laut für mich, aber wenn sie außen an meinem Inkubator hängt, kann ich sie leiser hören und die Melodie bringt mich sanft in den Schlaf.

Die Gerüche sind so stark.

Das Desinfektionsmittel, Parfüm, Duschgel … Das alles überfordert mich noch ziemlich. Starke Gerüche beißen in meiner Nase. Sie machen mir das Atmen schwer.

Aber nicht alle Gerüche sind schlecht. Denn Mama, Papa: ihr riecht ganz wundervoll. Ihr riecht nach Geborgenheit und nach Zuhause. Ich liebe es, wenn ihr mir wieder mal ein T-Shirt mitgebracht habt, in dem ihr geschlafen habt. Dann habe ich das Gefühl, ich kann schon mitten zwischen euch liegen und ihr seid direkt bei mir, auch wenn das natürlich nicht immer geht.

Es ist kalt. Und es ist alles so weit.

Ich vermisse meine warme Höhle. Das warme Wasser, dass mich getragen hat. Die warmen Wände, die mich gehalten haben.
Deshalb muss ich vermutlich auch in einem Inkubator liegen. Zumindest eine Zeit lang, bis ich mich an die kühle Luft gewöhnt habe und ich ein bisschen zugenommen habe. Ich mag es hier, auch wenn das bedeutet, dass ich nicht bei euch sein kann. Es ist leise und warm. Es ist meine kleine, persönliche Kuschelhöhle. Und ihr baut mir wundervolle Nestchen aus Mullwindeln und achtet darauf, dass ich es immer bequem habe.

Nichtsdestotrotz fehlt ihr mir. Das Schönste ist, wenn die Schwester mich mit warmen Decken aus dem Inkubator nimmt und auf eure Brust legt. Eure Haut ist so warm und weich! Papas Brusthaare kitzeln mir lustig die Nase. Mamas Herz schlägt leise gegen mein Ohr. Am Anfang immer ganz schnell, so wie bei mir. Aber nach ein paar Minuten schlafen wir beide fast ein und könnten glücklicher nicht sein.
Liebe Mama, lieber Papa. Das ist die schönste Zeit des Tages. Ich weiß, es bedeutet für die Schwestern viel Aufwand und nicht immer wirken sie erfreut darüber. Und ich weiß, ihr seid nervös, wenn mein Beatmungsgerät mir mal von der Nase gerutscht ist oder mein Monitor alarmiert, während ich bei euch bin. Aber bitte lasst euch nicht entmutigen! Auf eurer Brust kann ich so wunderbar entspannen. Ich bin euch so nah und das Atmen fällt mir plötzlich gar nicht mehr so schwer. Oft können die Schwestern sogar meinen Sauerstoffbedarf reduzieren und können es sich selbst nicht erklären.

Ich kann nur erahnen, wie es euch zumute sein muss. Hätte ich das vorher gewusst, ich hätte meine Neugier sicher noch ein paar Wochen im Zaum gehalten.

Bestimmt fällt es euch mindestens genauso schwer wie mir, dass wir nicht rund um die Uhr zusammen sein können. Vielleicht habt ihr das Gefühl, man nimmt euch euer Kind weg. Dass ich nie eine Bindung zu euch aufbauen könnte, da ich immerzu von fremden Menschen versorgt werde. Vielleicht habt ihr auch Angst, dass ihr das niemals so gut könntet, wie die Schwestern.

Und sicherlich seid ihr hilflos. Ihr könnt nichts tun. Könnt an meiner Situation nichts ändern. Könnt es nicht beschleunigen. Nur warten. Es aussitzen. Das Beste hoffen.

Liebe Mama, lieber Papa, habt Mut!

Die Schwestern sind großartig. Bitte habt Nachsicht mit Ihnen, wenn sie mal einen schlechten Tag haben oder wieder jede etwas anderes zu erzählen scheint. Sie machen einen Job, der alles andere als leicht ist. Sie arbeiten unter enormem Druck. Physisch, aber auch emotional. Sie betreuen mehrere Kinder gleichzeitig. Manchen geht es vielleicht noch viel schlechter als mir. Immer in der Angst, aufgrund des politisch verursachten Zeitdrucks nicht jedem gerecht zu werden. Sie wissen um die Verantwortung, die sie für uns kleine Wesen haben. Und sie spüren die Verantwortung euch gegenüber. Auf uns aufzupassen. Für uns zu sorgen. Uns zu unterstützen, wo wir kleinen Kämpfer es vielleicht alleine noch nicht schaffen. Und auch euch zu unterstützen, wo immer es nötig ist. Sie sind Zuhörer, wann immer ihr Sorgen habt oder denkt, ihr könnt nicht mehr. Sie sind Ermutiger, wenn ihr Berührungsängste habt oder scheinbar banale Dinge, wie vielleicht das Stillen, nicht gleich klappen. Sie werden Vertraute. Vielleicht Freunde. Manchmal sowas, wie eine kleine Familie. Die die Sorgen versteht, die man hat. Die weiß, wovon man redet, wenn man sich ein gewisses Fachchinesisch angewöhnt hat und plötzlich redet, als wäre man Medizinstudent im dritten Semester. Und die sich mit einem freut. Über jeden kleinen Schritt. Jeden getrunkenen Milliliter. Jedes weitere Gramm auf der Waage.

Wie gerne möchte ich euch manchmal wachrütteln, wenn ich wieder spüre, wie traurig ihr meinetwegen seid. Wie machtlos ihr euch fühlt. Wie unfähig, etwas zu tun.

Ihr tut doch so viel!

Ihr besucht mich, wann immer ihr könnt. Ihr stellt euren gesamten Alltag auf den Kopf, um mich zu sehen und mit mir zu kuscheln.
Mama pumpt vielleicht regelmäßig ab und versucht sogar immer mal mich zu stillen, auch wenn ich anfangs nur ein bisschen an der Brustwarze lecken kann. Ihre Muttermilch macht mich bärenstark und hilft meinen Organen, sich zu entwickeln.

Papa traut sich vielleicht schon, meine Windeln zu wechseln. Er hat immer wieder Angst gehabt, mir meine zarten Beine zu brechen. Aber Papa, wenn du nur wüsstest, wie kräftig und stabil ich bin, auch wenn es nicht den Anschein macht! Und wenn du nur wüsstest, wie stolz die Schwestern und Pfleger auf dich sind! (Und ja, jeder kennt diese Berührungsängste. Sie haben ja auch mal so angefangen.)

Und immer öfter traut ihr euch, weitere Pflegetätigkeiten zu übernehmen. Bitte fragt die Schwestern! Ihr könnt euch nahezu alles erklären und zeigen lassen: Bei meiner Körperpflege helfen, mich füttern oder mir ein kuscheliges Bett zum Schlafen bauen!

Ihr bringt mir immer wieder Kleidung mit, die so herrlich nach euch duftet.

Ihr Känguruht mit mir, wann immer es geht.

Ihr tauscht euch mit anderen Eltern aus und macht damit so vielen Menschen Hoffnung und Mut und gebt euch gegenseitig das Gefühl, nicht alleine zu sein.

Ihr stellt mich vielleicht Oma und Opa vor und nehmt ihnen die Angst davor, mich auch mal auf den Arm zu nehmen. Denn ihr seid stark. Stärker, als ihr es vielleicht vor Tagen oder Wochen für möglich gehalten habt.

Ihr macht euch gegenseitig Mut und stützt euch. Ihr entlastet euch und gebt euch gegenseitig Schutz. Ihr wachst so nah zusammen und seid so ein wundervolles und starkes Team. Ihr passt aufeinander auf, so wie ihr es für mich tut. Ich könnte mir keinen sichereren Platz auf der ganzen Welt vorstellen, als in ein paar Wochen Zuhause in euren Armen.

Liebe Mama, lieber Papa. Ich möchte euch nur sagen – egal wie groß der Schrecken war und wie tief er sitzt; egal wie oft ihr zu mir ins Krankenhaus kommt und das Gefühl habt, ihr könnt diese Berg- und Talfahrt, diese Hochs und Tiefs nicht mehr ertragen:

Ich liebe euch bedingungslos. Ihr seid wundervoll. Und ihr seid nicht nur genug: ihr seid genau richtig.“

Ricarda, 26 J., Kinderkrankenschwester

2 Kommentare

  1. Liebe Ricarda,

    vielen Dank für diesen wundervollen Text. Ich bin selbst Mama eines ehemaligen Frühchens, unser großartiger kleiner Junge musste 8 Wochen zu früh mit 1200 Gramm auf die Welt geholt werden. Dein Beitrag hat mich unheimlich berührt. Genau so etwas sollte jedes Elternteil eines Frühchens in der schweren Anfangszeit lesen dürfen, da es so viel Mut macht, den man so dringend braucht.

    Unser kleiner Kerl ist jetzt über ein Jahr alt, gesund, stark und unglaublich fröhlich. Liebe Frühchen-Eltern, die Zeit erscheint einem so schrecklich lang, aber sie geht vorbei und auch wenn ihr sie nicht vergessen werdet, sie wird in nicht allzu ferner Zukunft in den Hintergrund treten. Und dann bleibt davon nur noch, dass ihr euch über jeden Fortschritt eures Kindes vielleicht ein wenig mehr freuen könnt, als andere Eltern.

    Liebe Grüße
    Katharina

    1. Liebe Katharina,

      vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Ich bin auch so dankbar für den Text von Ricarda. Ich wünsche dir alles Liebe.

      Liebe Grüße Jana

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.